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07 January 2011 @ 02:37 pm
Der Job I  
Titel: Der Job I
Autor: callisto24

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Der Job I

Gut, es ist kein Job. Es ist Baby-Sitten. Und eigentlich noch nicht einmal das, weil meine Verwandtschaft es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht frohen Herzens duldete, mich mit ihrer Nachkommenschaft alleine zu lassen. Was für ein Wunder. Aber ehrlich gesagt, ich würde mich auch nicht unbedingt mit unschuldigen Kindern alleine lassen. Zu riskant, zu fragwürdig, zu wenig Vertrauen in das Schicksal.
Vielleicht auch zu viel Vernunft. Denn – zugegeben – ein wenig labil bin ich schon.
Aber wie dem auch sei. Ich schätze, unter dem Druck tobender Kinder, welcher, wie ich aus Erfahrung weiß, niemals nachlässt, findet sich jeder früher oder später zu Zugeständnissen bereit, an die er unter normalen Umständen keinen Gedanken verschwendet hätte. Ergo sah auch ich mich hin und wieder mit der Notwendigkeit konfrontiert, den Überwachungsdienst für die Pimpfe zu übernehmen. Lange ist es her, dass ich diesen Job mit meinen eigenen Kindern erledigt habe, und zu meiner Schande kann ich nur betonen, dass ich ihn nicht gerade gut gemacht habe. Wohl wahr, das Hüten hilfloser Kinder liegt nicht in meiner Natur. Zu vieles erschwert die Aufgabe, persönliche und charakterliche Schwächen. Da wäre zum einen die Langeweile. Ganz im Ernst, niemand kann mir erzählen, dass es besonders spannend sei, sich Tag für Tag, Nacht für Nacht, 24 Stunden am Stück hinter immer demselben winzigen Fratz herzulaufen, egal was dieser tut, egal was er sagt oder wie er sich benimmt. Noch schlimmer, wenn es zwei von der Sorte sind. Und nicht auszudenken, zählt die Brut sogar noch mehr Köpfe.
Nun, irgendwie übersteht jeder diese Zeiten des Schlafmangels, der permanenten Angst und Überanstrengung. Und interessanterweise setzt mit zunehmendem zeitlichem Abstand auch das Vergessen ein. Man vergisst, wie ermüdend und anstrengend diese Tätigkeiten sind. Wäre dies nicht der Fall, so stürbe die Menschheit aus. Sich wiederholt der Aufgabe zu unterziehen, die so ein kleines Wesen bedeutet, erklärt sich nur durch die Löcher, die jedermann Gedächtnis durchziehen, durchziehen müssen, um schlichtweg die Arterhaltung zu sichern.
Wie gesagt, diese Zeiten waren vorbei, und vor mir lagen lediglich Stunden, begrenzte Zeitabschnitte, die ebenso einen Anfang wie aber auch ein tröstliches Ende aufwiesen. Eine durchaus überschaubare und zu erledigende Aufgabe. Und ich hatte vor, diese zu erledigen. Ich war gut in Pflichterfüllung, meistens. Oh ja, ich hatte schon Ausflüge mit den Kleinen auf Spielplätze hinter mich gebracht, Aufsicht über unruhige Nachtstunden. Ich hatte mit Fläschchen gefüttert und im Schaukelstuhl gewogen. War unter Tische und Stühle gekrochen, und hatte sogar Fußball gespielt. Oder das, was ich für Fußball halte. Und so hatte ich auch fest vor, diesen Nachmittag hinter mich zu bringen. Doch es begann sofort ausgesprochen aufbauend, mit dem leeren Haus, das mich begrüßte. Unnötig zu erwähnen, dass es schneite, und insgesamt dieser Tag sich eine der unmöglichsten und unangenehmsten Wetterlagen ausgesucht hatte, die man sich vorstellen wollte. Weshalb ich sie mir auch nicht weiter vorstellte, sondern ihrer flüchtete. Genauer gesagt, ich umrundete das Gebäude und verkroch mich auf der mäßig geschützten Terrasse. Und nach der zwangsläufig verstreichenden Zeitspanne, die meine Füße benötigten, um sich in Eisklumpen zu verwandeln, ertönte Klopfen aus dem Inneren des Hauses. War doch die Familie tatsächlich schon zurückgekehrt, doch unter Zuhilfenahme des Schlüssels zuallererst ins Warme geflüchtet. Nun – ich sollte froh sein, dass sie mich überhaupt hineinließen. Und im Ernst – ich war auch froh. Ist es doch auch schön, die Verwandtschaft hin und wieder zu Gesicht zu kriegen. Vor allem, wenn sie klein und putzig ist. So klein, wie das Baby, welches noch mit rosa Mütze bestückt, auf dem Boden krabbelte, und praktisch danach schrie, geknuddelt zu werden. Ja, in Augenblicken wie diesen melden sich doch überraschend meine spärlich ausgeprägten Mutterinstinkte. Oder habe ich von meinen Eltern die Angewohnheit oder die Fähigkeit übernommen, mich gerade noch um Babys kümmern zu können, doch in stärkerem Ausmaße zu scheitern, je mehr Jahre das Kind auf den Buckel lädt. Weiß Gott, dass es mir mit den eigenen Sprösslingen so ging. Nun lässt sich ja auch nicht leugnen, dass Kinder doch schwieriger zu handhaben sind, je mehr Jahre sie zählen. Es reicht nicht mehr, sie nur zu schaukeln, zu wiegen, zu füttern, wickeln und zu trösten. Nein, man ist gezwungen sich richtiggehend mit ihnen zu unterhalten. Wie mit richtigen Menschen. Vielleicht, wenn es hart auf hart kommt, muss man auch etwas spielen. Ich erinnere mich da mit Schrecken an den vergeblichen Versuch meinerseits, mir ein Klettergerüst als Piratenschiff vorzustellen. Ganz ehrlich, da waren keine Segel, kein Steuerrad, keine Luken, Mastbäume oder wenigstens eine Kajüte. Und ein Holzschwert reicht eindeutig nicht aus, um einen kleinen Rotschopf in einen Piraten zu verwandeln. Aber ich habe auch dieses durchgestanden, ebenso wie Indianertänze um ein imaginäres Feuer. Und ebenso plante ich auch diesen Nachmittag durchzustehen. Ich begann also todesmutig mit dem Hochnehmen des Babys, wie bereits erwähnt meldete sich diesbezüglich eine Art Instinkt, den ich nicht unter meiner Kontrolle habe, beim besten Willen nicht. Nachdem es mir gelungen war, besagten Winzling durch zu knuddeln, bis dieser die obligatorischen Sabberspuren auf meinem Hemd hinterlassen hatte, konnte ich mich dem weitaus anspruchsvolleren Exemplar zuwenden. In diesem Falle handelte es sich um meinen kleinen Neffen, definitiv ein Fall für die Aufbietung letzter Fantasiereserven. Und er enttäuschte mich auch dieses Mal nicht. Nicht im Geringsten. Und so begannen wir umgehend mit dem allseits beliebten Feuerwehrspiel. Jawohl, es wurde gelöscht. Jawohl, es wurden Massen an Feuerwehrautos herbeigetragen. Denn wie jedes Kleinkind, das etwas auf sich hält, besitzt auch er eine Unmenge an nützlichem, sowie vollkommen nutzlosem Plastikkram. Wobei das Drama sichtlich damit anfing, dass aus dem Nichts und während des Wickelns der kleinen Schwester ein Feuerwehrmann ins Auge sprang, der umgehend und sofort der Aufmerksamkeit bedurfte. Besser gesagt, der in den Einsatz geschickt wurde, gnadenlos und hartherzig. Denn es handelte sich durchaus um keine einfache Arbeit. Ich beneidete ihn keineswegs, wurde er doch zwischen seinen Löscharbeiten wiederholt von Schwesterchen angegriffen und grausam abgelutscht. Sicher fühlte sich der Feuerwehrmann beruhigt ob der Tatsache, dass das angriffslustige rosa Monster noch keine Zähne besaß.
Wie auch immer, die Löscharbeiten stellten sich als anspruchsvoll genug dar. Wir löschten den Schrank, den Sessel und Stühle, um nur einige der Brandherde zu nennen. Schwierig wurde es bei der Feuerbrunst, der mein Knie zum Opfer fiel, sowie dem Flammenmeer, das unerwartet über den Teppich züngelte.
Nun muss man wohl zugeben, dass das zarte Alter von 3 Jahren nicht unbedingt für gesteigerte Konzentrationsfähigkeit spricht. Es ließ sich nicht leugnen, dass das Kind sich schnell von seinen doch recht verantwortungsvollen Aufgaben ablenken ließ. Da griff man schon hin und wieder nach dem bunt bemalten Gummiwerkzeug, oder suchte sich einen selbstverständlich spitzen und scharfen Holzsplitter, der vorerst offenbar die Löscharbeiten verstärken sollte, letztendlich aber doch dazu diente, geschmackvolle Muster in die Wand zu kratzen.
Aber solange er sich beschäftigte, lag es mir fern, mich zu beschweren. War ich doch permanent damit beschäftigt, dem Baby hinterher zu krabbeln, welches sich mit ständigen Fluchtplänen trug. Ja, das Baby wollte hoch hinaus. Oder tief hinunter, denn es steuert mit Vorliebe die Treppe an. Und da ich keine Lust hatte, herunter kugelnde Wonneproppen aufzufangen, schnappte ich mir dieses Exemplar noch bevor sich ein Ereignis mit Tragweite abspielte.
Aber dem Elend und der Anstrengung war noch nicht genug. Denn was kam dem kleinen abwechselnd mit Hausbau und Feuerlöschen beschäftigten Piraten als nächstes in den Sinn? Zu schrecklich, um es auszusprechen?
Oh nein, denn er wollte in die Badewanne. Ausgelöst wurde dieser Wunsch durch die Entdeckung eines vollkommen verdreckten und sandigen Plastikfisches, und die notwendige Reinigung desselben. Ich hatte vollkommen vergessen, oder verdrängt, welche Folgen auch nur geringes Wasserplanschen haben kann. Und so tappte ich buchstäblich mit offenen Augen in die Falle. Und als er seinen Wunsch äußerte, blieb mir nichts, als die Hoffnung, dass die verantwortungsbewusste Mutter diesen ablehnte. Doch mitnichten. Weich wie Butter gab diese dem Bestreben des Sprösslings und seinem offensichtlich selten auftretenden Wunsch nach Reinlichkeit nach.
Und weitaus schlimmer – das Kind wünschte, meine Gesellschaft bei dieser Prozedur. Im Ernst, es war lange her, dass ich einen kleinen Mann in die Badewanne gesetzt hatte. Und trotz seiner merkwürdigen Idee, ich solle mich mit ihm in die Wanne begeben, gelang es mir doch dieses Drama abzuwenden, und mich geschickt herauszureden. Badewanne? Ich? Das kam gar nicht in Frage. Und schon gar nicht in Anwesenheit von Winzlingen. Nun gut, ich konnte ihn damit besänftigen, und ebenso die gestresste Mutter, dass ihm dabei zuzusehen, wie er sich in der Wanne wälzte, Spaß und Vergnügen sei, sowohl für mich, als auch für ihn.
Nicht dass ich etwas gegen das Baden an sich hätte, keineswegs. Ich tat es nur nicht. Das letzte Bad nahm ich während meiner Schwangerschaft, besser gesagt kurz vor der Entbindung. Und dies auf Anraten der Hebamme, der Schwester oder eines Arztes. Einzelheiten sind aus verständlichen Gründen meinem Gedächtnis entschwunden. Angeblich sollte ein Kräutermittelchen Wunder wirken gegen bestimmte Krämpfe. Nun, auf die Wunder wartete ich vergeblich. Und wie das mit Wehen so ist, so wurden sie nicht gerade besser im Verlauf der Zeit. Demzufolge verstärkte sich das gemischte Verhältnis, das ich zu Badewannen habe, zusätzlich und unwiderruflich. Sicher, auch früher, war ich nie ein Fan der Badewanne gewesen. Wie man es dreht oder wendet, irgendwie fühlt man sich doch ausgestellt, bloß und vor allem hilflos. Davon abgesehen, dass es langweilig ist, äußerst langweilig. Was soll man tun, während man so gemächlich einweicht? Ich habe es mit Lesen versucht, aber irgendwie ruiniert das die Bücher. Meine Gedanken wandern zu lassen vermeide ich tunlichst. Der Himmel weiß zu welch schrecklichen Erkenntnissen man da so kommt. Und nicht zuletzt stellt es sich doch immer wieder als eine ausgesprochen unangenehme, um nicht zu sagen qualvolle Anstrengung dar, die sich langsam abkühlende Wanne zu verlassen. Denn egal wie ungemütlich das lauwarme Wasser einem auch vorkommt, die Begegnung der aufgeschwemmten Haut mit der Luft, jagt schon allein in der Vorstellung kalte Schauer den Rücken herunter. Also unterm Strich bietet das Baden keine für mich erkennbaren Vorteile. Und selbst das gelegentlich vorgeschlagene Besteigen der Wanne mitsamt des Nachwuchses, sozusagen das Erschlagen der Fliege mit zwei Klappen, erfüllte mich persönlich mit Unbehagen. Welches soweit ging, dass ich mit meinen Sprösslingen nur die Wanne bestieg, wenn ich vorsorglich meine Blöße zuvor mit einem Badeanzug bedecken konnte. Ich gebe ja zu, vieles hat mit meinem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper zu tun, ein Talent, das ich selbstverständlich und äußerst gründlich an meine Kinder weitergab, die dann auch herzlich froh waren, wenn ich ihnen bei der Reinigungsprozedur keine Gesellschaft mehr leistete. Keine allzu enge zumindest, denn das wachsame Auge blieb natürlich erforderlich. Und meine Kinder, wie wohl alle Kinder, liebten das Planschen im Wasser. Also ließ ich sie. Und sah mich konfrontiert mit extremer Langeweile, die von Bad zu Bad nur anstieg. Irgendwann ist es nicht mehr spannend, den Seifenschaum zu beobachten oder ein Plastikschiff durch künstlich erzeugte Wellen schwimmen zu lassen. Und irgendwann waren die Kinder zu meinem Glück und meiner Zufriedenheit groß genug, um nicht mehr der ständigen Badeaufsicht zu bedürfen.
Ob ich nun verdrängt oder schlichtweg vergessen hatte, was es bedeutete, so einem Winzling beim Baden Gesellschaft zu leisten, ist mir ebenfalls entfallen. Wie auch immer war ich gezwungen, mich meinem Schicksal zu ergeben, und daran zu arbeiten, die Wanne zu füllen. Schon dieses nicht so einfach, aber wollen wir hier nicht auf die Schwierigkeiten, mit denen Heiß- und Kaltwassertanks gerade bei frostigen Temperaturen aufwarten, eingehen. Fakt war, dass die Wanne sich irgendwann füllte und besagter Pimpf sich bereits eifrig bemühte, durch gründliches Plantschen von außen, sprich Tauchen, Springen und Spritzen seines Plastikfisches, seine eigene Kleidung zu durchnässen. Von meiner wollen wir hier gar nicht sprechen. Doppelt unangenehm, da des Vaters ausgeprägte Schimmel-Phobie mir bereits zu Gehör gebracht wurde, und mich dazu veranlasste, jedem Wassertropfen, der die Wanne verließ, entsetzt nach zu jagen. Doch wie ich es auch drehte und wendete, früher oder später ließ sich nicht mehr leugnen, dass das Kind einen Wechsel in seiner Garderobe benötigte, oder wahlweise endlich den geplanten Hopser in das Innere der Wanne ausüben sollte.
Nur, und wie das mit Kindern so ist, pflegte auch dieses gerne und häufig seine Meinung zu ändern. Besser gesagt, erschien ihm mit plötzlich auftretender Sicherheit die Wanne nicht mehr so verlockend, wie sie ihm zuvor vorgekommen war. Aber jetzt war es zu spät. Zumindest meine Entscheidung war gefallen. Die Klamotten waren nass, das Kind gehörte unweigerlich in die Wanne. Und dorthinein würde ich es auch befördern. Das wäre doch gelacht.
Auch wenn ich auf die subtile Kunst der Manipulation zurückgreifen musste. Es war nie zu früh, ein Kind mit den Wahrheiten, Fallen und Stolpersteinen des täglichen Lebens zu konfrontieren. Und ich war immer wieder zufrieden, diesen Job übernehmen zu dürfen. Ständiges Bohren, Andeuten und Wühlen in den ersten, schwach ausgebildeten Netzwerken des kindlichen Unterbewusstseins führten über kurz oder lang doch stets zum Ziel.
Nun gut, das Kind zeigte sich widerspenstig. Offensichtlich war ihm die Erkenntnis, dass sich der Boden der Wanne seiner Sicht ebenso wie seinem Vorstellungsvermögen entzog, aus undefinierbaren Gründen und gar plötzlich ein wenig unheimlich. Er wollte doch tatsächlich nicht hinein. Doch mit süßer Zunge stellte es sich langfristig als ein Leichtes für mich heraus, ihn dorthin zu bekommen, wo ich ihn haben wollte. Und natürlich fiel er auf mich herein. Es handelt sich um ein Kind, Himmel noch mal, und leichte Drohungen sowie die Erwähnung der mütterlichen Zerknirschtheit, wenn ihr Kind auf immer und ewig gezwungen war, als Dreckspatz auf Erden zu verharren, nur weil es zu feige war, hatten die erwünschte Wirkung. Natürlich vergaß ich nicht zu betonen, dass ihm der erwähnte Dreck für sein Leben haften bliebe, konnte ich mich doch noch zu gut, an ähnliche Geschichten aus meiner eigenen Vergangenheit erinnern. Besonders beliebt blieb stets der Hinweis, auf den Schmollmund, mit dem ich bis ins Grab leben musste, wenn ich ihn nicht sofort in ein braves und charmantes Lächeln verwandelte. Ähnliche Konsequenzen zog selbstverständlich eine in Falten gezogen Stirn nach sich, eine herausgestreckte Zunge oder rollende Augen. Oh ja, man wusste früher, wie sich kleine Kinder erschrecken ließen. Und ich hatte nicht vor, wertvolles Wissen wie dieses verfallen zu lassen. Lange Rede, kurzer Sinn. Ich hielt also meine kurzgeratene Verwandtschaft knapp über die Wasseroberfläche, nachdem ich sie von der Notwendigkeit überzeugen konnte, dem unheimlichen Nass eine Chance zu geben. Und auf einmal wurde mir die Begeisterung klar, mit der das geplagte Mütterchen dem Bade-Erlebnis zugestimmt hatte. Offensichtlich verweigerte der Sprössling den Kontakt mit Flüssigkeit, die der Reinigung des Körpers diente, rigoros. Na, das wollte ich ihm schon austreiben. Auch wenn ich nicht mehr zu viel in der Lage war, dann doch durchaus dazu, Zucht, Ordnung und Sauberkeit in diesen verlotterten Haushalt zu bringen. Ich spürte förmlich, wie mir der Tatendrang zu Kopf stieg. Jahrelang angestaute Langeweile floss ab von mir, als ich den Kleinen mit herzhaftem Wippen ins Badewasser stippte. Seine Zehen nur, und doch durchdrang Protestgeheul die Wände. Oder auch nicht, denn seine Mutter war wohlweislich dem offensichtlich vorherzusehenden Gebrüll geflohen. Zumindest tauchte sie nicht auf, ließ mich alleine mit der kniffeligen Aufgabe, den zurückgelassenen Nachwuchs Sitte und Anstand zu lehren.
Welches ich dann auch tat – natürlich. Und ich lehrte nicht nur den Kleinen Manieren, sondern auch dem Baby, das wieder und wieder bei seinem Versuch zu entkommen, mit dem Kopf gegen die Wand stieß. Das Gepolter wurde mir einfach zu viel, und so schnappte ich mir das rosa Bündel und beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, auch diesem die Sauberkeit, die sich gehörte, nahezubringen.
Der Platsch, mit dem ich es neben den Bruder beförderte, erfreute mein Herz fast ebenso wie die rötliche Färbung, die der Schaum anzunehmen begann. Mädchen sorgen doch immer wieder für optische Freuden. Und auch der Junge benahm sich erstaunlich ruhig. Vielleicht ein wenig zu still, wenigstens für einen Jungen. Doch plötzlich auftretende Beweise vornehmer Zurückhaltung, sollte man nie in Frage stellen.
Zufrieden mit meiner Arbeit warf ich der Verwandtschaft, die sich, sobald friedlich geworden, ausgesprochener Niedlichkeit erfreute, charmante Kusshände zu, und riskierte es, mich auf einen kleinen Erkundigungsgang zu begeben. Denn ob Kind Nummer drei immer noch brav und anständig an der Garderobe baumelte, wo ich es aufgehängt hatte, ließ sich nicht mit Gewissheit sagen. Kinder sind doch immer wieder unberechenbar. Doch auch das Kleinste zeigte sich ruhig und anständig. Vollends zufrieden konnte ich allerdings erst sein, nachdem auch meine Schwägerin sich nicht der Mühe unterzog, meinen höflichen Gruß zu erwidern. Nein, mit zur Decke verdrehten Augen und der Kruste, die sich in ihrem Mundwinkel bildete, nachdem das unschöne Rinnsal roter Flüssigkeit endlich gestoppt hatte, ignorierte sie mich mal wieder. Aber nicht umsonst war ich Kummer gewohnt, ebenso wie die Missachtung meiner Bemühungen. Ich überlegte einen Augenblick, ob das Messer in ihrer Brust demnächst Verwendung finden sollte, beschloss dann jedoch, es an seinem Ort zu belassen. Gott wusste, dass ich genug getan hatte. Ich dachte einen Moment an die grimmige Kälte außerhalb des Hauses, aber letztlich existierte kein Weg dieser zu entkommen. Ich schlüpfte in meine Stiefel und wickelte mich möglichst eng in meine viel zu dünne Jacke. Nichtsdestotrotz war es immer wieder ein gutes Gefühl, einen Job erledigt zu haben.